Diätfalle: Die Flut der Diäten hat die Deutschen nicht schlanker gemacht

Viele Abnehmversuche scheitern. Wie ist langfristiger Gewichtsverlust möglich?

Hollywood- oder Atkins-Diät, Schlank-im-Schlaf, Kohlsuppendiät und viele weitere Tipps zum Abnehmen überfluten die Medien gerade im Januar. Nach den kalorienreichen Festtagen blicken wir mit Sorge auf die Waage, und schnell ist er gefasst: der Entschluss abzuspecken. Nur allzu gerne glauben die Abnehmwilligen dann den großen Versprechungen diverser Diätgurus.

Dr. rer. nat. Tatjana Schütz ist Ernährungswissenschaftlerin am IFB Adipositas-Erkrankungen. Sie blickt mit Sorge auf den alljährlichen Medienrummel, denn ein Scheitern der Abnehmversuche ist oft vorprogrammiert und die Lust auf weitere Diäten schwindet dann ganz. Das gehört mit zu den Ursachen, warum die Deutschen immer dicker werden. In unserem Interview erläutert Dr. Schütz, worauf beim Abnehmen wirklich zu achten ist.

Wie immer am Jahresbeginn gibt es in Zeitschriften, Fernsehen und Internet viele Berichte, wie man abnehmen kann. Was stört Sie an der Darstellung von Diäten in den Medien?

Es wird suggeriert, dass es die eine oder andere „Wunderdiät“ gibt, die innerhalb kurzer Zeit zur gewünschten Gewichtsabnahme führt. Die Erwartungen der Diätwilligen sind dann sehr hoch, doch schnell stellt sich Frust ein, weil die Diät zu kompliziert in der Umsetzung oder auf Dauer einseitig ist, und die Pfunde doch nicht soll schnell dahin schmelzen, wie gewünscht.

Obwohl der Diätmarkt boomt, werden die Deutschen nicht leichter. Neue Daten zeigen, dass im Zeitraum 1999 bis 2009 die Häufigkeit der Adipositas bei Erwachsenen in Deutschland weder stagniert noch abnimmt. Da sind uns andere Länder wie die USA, Australien, Schweden und Frankreich voraus.

Was sind die Hauptfehler, die abnehmwillige Menschen machen?

Abnehmwillige suchen meist eine schnelle Lösung und unterschätzen die Herausforderung, das niedrigere Gewicht dann auch dauerhaft zu halten. Dass Ernährung und Bewegung wichtig zur Regulation des Körpergewichts sind, ist allgemein bekannt. Vor kurzem wurden Daten aus Deutschland veröffentlicht, nach denen 98 Prozent der Befragten mehr Sport und 82 Prozent weniger Essen als wirkungsvoll im Kampf gegen das Übergewicht ansehen und diese Maßnahmen auch empfehlen würden. Interessanterweise werden psychologische Behandlungsansätze nur von 58 Prozent der Befragten als effektiv angesehen und empfohlen.

Statt in die „Diätfalle“ zu tappen, die x-te Diät auszuprobieren und dadurch in den Kreislauf einer schnellen Gewichtsabnahme und ebenso schneller Gewichtszunahme, also zum Jo-Jo-Effekt, zu kommen, sollten v. a. bei adipösen Menschen die Ursachen des krankhaften Übergewichts und die Hürden, die einer Gewichtabnahme entgegenstehen, gesucht werden.

Spezialisten verschiedener Fachrichtungen können dabei helfen, solche Hürden wie z. B. Essstörungen, Begleiterkrankungen oder Faktoren im sozialen Umfeld zu identifizieren, um sozusagen das Übel bei der Wurzel zu packen. Es muss also für jeden Patienten eine individuelle Lösung gefunden werden.

Wer sich im Spiegel nicht mehr sehen mag, ist zunächst zu einigem Leid bereit. Er isst auch über Wochen hinweg Kohlsuppe und geht joggen.
Ist das eine sinnvolle Abnehm-Strategie?

Eine Gewichtsabnahme wird nur dann funktionieren, wenn die Energie, die der Körper von außen in Form von Nahrung und Getränken bekommt, dauerhaft unter dem Energiebedarf liegt, die der Körper für seine Grundfunktionen und die körperliche Aktivität benötigt. Der Weg über die genannte Diätform ist schwierig, weil hier die Energiezufuhr auf das geringste und die körperliche Aktivität auf das höchste Maß verschoben wird, die der Abnehmwillige noch tolerieren kann. Die Frage ist jedoch, wie lange er dies durchhält, wenn er z. B. nach einer Woche bereits keine Kohlsuppe mehr sehen oder riechen kann. Die Hürde für eine längerfristige Umsetzung liegt damit sehr hoch.

Findet der Abnehmwillige jedoch seinen Weg, wie er mit Genuss die geringste Zufuhr an Energie und die größtmögliche körperliche Aktivität umsetzen kann, so liegt die Hürde für lebenslange Veränderungen sehr viel niedriger und eine anhaltende Gewichtsabnahme ist wahrscheinlicher.

Nehmen die einen Menschen leichter ab als die anderen? Gibt es unterschiedliche Wege zum Wunschgewicht?

Befragt man erfolgreiche Gewichtsabnehmer, die ihr reduziertes Gewicht über mindestens ein Jahr halten konnten, nach ihren Strategien, so werden ein ganzes Bündel an Maßnahmen genannt: ein hoher Grad an körperlicher Aktivität mit rund einer Stunde Bewegung am Tag, energie- und fettarmes Essen, regelmäßiges Frühstücken, regelmäßiges Wiegen, z.B. ein Mal pro Woche, ein festes Mahlzeitenmuster und ein schnelles Reagieren auf „Ausrutscher".

Allerdings setzt nicht jeder Befragte alle Punkte gleichermaßen um. Es haben sich vier Gruppen herauskristallisiert, die aufgrund ihrer Diäterfahrungen, Haltungen und Strategien für bestimmte „Abnehmtypen“ stehen.

Mit 13 Prozent ist der Anteil derjenigen, die beim ersten Versuch problemlos abnehmen und das niedrige Gewicht jahrelang halten, gering. In dieser Gruppe findet sich mit 42 Prozent der höchste Männeranteil.

Ein ebenfalls geringer Anteil von10 Prozent entfällt auf Menschen, die älter sind und vielfältige Gesundheitsprobleme haben. Diese Gruppe verzichtet auf zusätzliche körperliche Aktivität, sondern reduziert die Zahl der Mahlzeiten, um das abgenommene Gewicht halten zu können.

Ein weiteres Viertel, rund 27 Prozent, der Befragten muss ständig kämpfen, um die verlorenen Pfunde nicht wieder zuzunehmen. In dieser Gruppe finden sich z. B. jüngere Frauen, die bereits seit ihrer Kindheit Übergewichtsprobleme haben. Diese Menschen haben schon sehr viel ausprobiert und ihre Strategien gefunden, haben aber eine höhere Anfälligkeit für Stress und Depressionen.

Die größte Gruppe der erfolgreichen Gewichtsabnehmer mit 50 Prozent sind gesundheitsbewusst lebende Personen, die gerne essen, aber auch auf ein ausreichendes Maß an körperlichen Aktivität achten, und mit ihrem Gewicht zufrieden sind.

Die Herausforderung wird sein, gezielte Angebote für diese unterschiedlichen Abnehmtypen zu machen, um eine Gewichtsabnahme und langfristige Gewichtsstabilisierung zu erreichen.

Das Interview führte Doris Gabel.

Quellen:

12. Ernährungsbericht. Kapitel 1.7 Entwicklung von Übergewicht (Präadipositas und Adipositas) in Deutschland. Hrsg. Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. Eigenverlag, 2012, S. 119-130. ISBN 978-3-88749-232-8

Freedhoff Y, Sharma AM. Best Weight: Ein Leitfaden für das Adipositas-Management. Pabst Science Publishers, 2012. ISBN 978-3-89967-833-8

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Schlüsselwörter: Ernährung & Diäten