Neues Fachbuch: Metabolisches Syndrom und Adipositas im Kindes- und Jugendalter

Das medizinische Fachbuch aus der Reihe "Pediatric and Adolescent Medicine" (Karger) stellt aktuelle Forschungsergebnisse zu den Ursachen und Konsequenzen von Adipositas, sowie Präventions- und Behandlungsansätze bei jungen Menschen vor.

Adipositas bei Jugendlichen und Kindern
(Foto: iStock)

Prof. Dr. med. Wieland Kiess, Leiter der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Leipzig, ist Herausgeber der wissenschaftlichen Buchreihe „Pediatric and Adolescent Medicine“ im biomedizinischen Fachverlag Karger.  Anfang 2015 erschien Band 19 mit dem Titel „Metabolic Syndrome and Obesity in Childhood and Adolescence“. Buchbeiträge kommen u. a. von Forscherinnen und Forscher des IFB AdipositasErkrankungen rund um das Thema Übergewicht im Kindes- und Jugendalter.

Übergewicht bei jungen Menschen - ein individuelles und gesellschaftliches Problem

Auch wenn die Häufigkeit von Adipositas im frühen Kindesalter in vielen industrialisierten Ländern stagniert, ist die Anzahl von Kindern mit starkem Übergewicht und ausgeprägtem metabolischem Syndrom weiterhin sehr hoch. Beim metabolischen Syndrom zeigen sich Zeichen der Adipositas-bedingten Folgeerkrankungen, also Bluthochdruck, Fett- und Zuckerstoffwechselstörungen. In Deutschland sind gemäß der KIGGS-Studie des Robert Koch-Instituts 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen übergewichtig, rund sechs Prozent sogar adipös. In der Gruppe der adipösen Jugendlichen wächst die Zahl von Mädchen und Jungen mit extremer Adipositas. Adipositas ist ein Krankheitsbild mit gesamtgesellschaftlicher Relevanz. Rund 80 Prozent der übergewichtigen Kinder und Jugendlichen bleiben auch im Erwachsenenalter zu schwer. Deshalb ist die Prävention und Therapie bereits in jungem Alter wichtig.

Das neue Fachbuch gibt daher eine umfassende Übersicht über neue Erkenntnisse der Adipositasforschung in den genannten Altersgruppen. Zudem werden verschiedene Ursachen und Auswirkungen frühen Übergewichts, innovative Ideen zur Vorbeugung von Adipositas im Kindesalter wie E-Health sowie die Konsequenzen der modernen, städtischen Lebensweise vorgestellt. Außerdem beinhaltet die Publikation eine ausführliche Diskussion moderner Behandlungs- und Präventionsmöglichkeiten in einem frühkindlichen Alter.

Adipositas beeinflusst die pubertäre Entwicklung

Der Prozess der pubertären Entwicklung ist bisher nur wenig erforscht und wird von vielen, teilweise unbekannten Faktoren beeinflusst. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts zeigt sich zudem ein Trend hin zu einer immer früher einsetzenden Pubertät. Aufgrund der gleichzeitig hohen Anzahl an Kindern und Jugendlichen mit Übergewicht, muss der Zusammenhang zwischen körperlichem Zustand in der Kindheit und dem Beginn und Tempo der Pubertät näher betrachtet werden.

Diesem Thema haben Prof. Kiess und Dr. Isabel Wagner ein Buchkapitel gewidmet. Dr. Wagner war Nachwuchswissenschaftlerin am IFB und ist derzeit dank eines Forschungsstipendiums am Karolinska Institute in Stockholm, Schweden tätig. „Studien haben gezeigt, dass es einen klaren Zusammenhang zwischen dem Erreichen eines kritischen Körpergewichts und dem Beginn und Verlauf der pubertären Entwicklung gibt“, so Wagner. „Zudem ist eine rasche und frühzeitige Gewichtszunahme in der Kindheit mit einem zeitigeren Einsetzen der Menstruation, einem frühzeitigen Wachstumsschub und dem frühen Brustwachstum bei Mädchen verbunden.“ Als weitere Folgen einer kindlichen Adipositas werden auch das verfrühte Auftreten der Schambehaarung bei beiden Geschlechtern und ein zu frühes Hodenwachstum bei Jungen beobachtet. Insgesamt konnten die beiden Autoren in den von ihnen untersuchten Studien einen möglichen Zusammenhang von Adipositas im Kindes- und Jugendalter und einer frühzeitigen pubertären Entwicklung aufzeigen.

Prävention von Adipositas in einer „dickmachenden“ Umwelt

Aufgrund der zahlreichen Folgeerkrankungen von Adipositas im Kindes- und Jugendalter, ist eine gezielte Prävention und Aufklärung über die Risiken wichtig. Jana Markert, Projektleiterin und Mitarbeiterin in der Nachwuchsgruppe „Präventive Medizin“ am IFB, thematisiert dies in einem weiteren Buchkapitel. „Die große Häufigkeit von Kinder- und Jugendadipositas in industrialisierten Ländern und die Adipositas fördernde Umwelt verlangen eine gesamtgesellschaftliche Präventionsstrategie“, so Markert. „Auch wenn dieses Thema in der Forschung bereits energisch gefordert und diskutiert wird, muss es deutlicher in den öffentlichen Fokus gerückt werden.“

Derzeit begünstigt die Lebensumwelt in industrialisierten Ländern Übergewicht und Adipositas durch ein raffiniert beworbenes Überangebot an Nahrung. Hinzu kommt der Bewegungsmangel durch weniger körperlich anstrengende Arbeit und mehr physisch passiver Freizeitgestaltung z. B. mit digitalen Medien. Um gesund zu leben, sind also personelle Ressourcen, wie beispielsweise Wissen, Zeit, Geld und Selbstwirksamkeit wichtig. Dennoch bestehen bereits einige Ansätze die Konsumenten in industrialisierten Ländern für das Thema Adipositas zu sensibilisieren. Gesünderes Kita- und Schulessen wird z. B. ebenso diskutiert wie ein Verbot von Lebensmittelwerbung, die Kinder adressiert. Um gute Ansätze umsetzen zu können, muss zunächst ein öffentliches Interesse geschaffen werden, um letztlich Politik, gesellschaftliche Gruppen und Unternehmen auf dieses Thema aufmerksam und handlungsbereit zu machen. Notwendig ist ein gesamtgesellschaftliches Umdenken, bei dem Adipositas nicht nur als Problem des Einzelnen gesehen wird.

E-Health soll in der Vorbeugung von Übergewicht helfen

Wie konkret solche Präventionsmaßnahmen ausgestaltet sein könnten, erörtert Sabine Herget, ebenfalls Mitarbeiterin der IFB-Nachwuchsgruppe „Präventive Medizin“, am aktuellen Beispiel des E-Health-Konzeptes. Der noch recht neue Begriff E-Health bezeichnet dabei die Anwendung elektronischer Geräte z. B. zur medizinischen Versorgung, Dokumentation oder Messung in Interventionen des Gesundheitswesens. „Da Kinder- und Jugendliche einen hohen Bezug zu modernen Informations- und Kommunikationstechnologien aufweisen, können gesundheitsfördernde Informationen über die neuen Medien sie eher erreichen“, so Herget.

So können z. B. bestimmte Smartphone-Apps helfen Kalorien einzusparen oder den eigenen Trainingszustand zu messen und dadurch motivierend sein. Maßnahmen sollten auf psychologischen Erkenntnissen aufbauen und die Teilnehmer direkt in einer möglichst interaktiven Kommunikationsform erreichen. Insbesondere familiäre und schulische Präventionsprogramme mit Einbezug des Internets scheinen dabei am effektivsten zu sein.

Martin Liborak

Fachbuch in der Reihe "Pediatric and Adolescent Medicine" (Vol. 19)
"Metabolic Syndrome and Obesity in Childhood and Adolescence", Karger, Basel, 2015
Herausgeber: Kiess W. (Leipzig), Wabitsch M. (Ulm), Maffeis C. (Verona), Sharma A.M. (Edmonton, Canada)
ISBN: 978-3-318-02798-3; e-ISBN: 978-3-318-02799-0
DOI: 10.1159/isbn.978-3-318-02799-0

Weitere Informationen zum Buch bietet der Karger-Verlag.