„Mit dem möchte ich nichts zu tun haben!“ – Wie stark ist die soziale Distanzierung gegenüber Menschen mit Adipositas?

Stark übergewichtige Personen begegnen in der Gesellschaft vielen Vorurteilen, stoßen auf Ablehnung und Diskriminierung. Häufig führt dies dazu, dass die Betroffenen selbst schlecht von sich denken - aus der äußeren wird so Selbst-Stigmatisierung (internalisiertes Stigma).

Adipöse Menschen im öffentlichen Leben

Dr. Claudia Sikorski leitet am IFB die Nachwuchsforschungsgruppe „Stigmatisierung und internalisiertes Stigma“. Um zu ermitteln, wie stark sich die Bevölkerung von adipösen Menschen distanziert, wurden rund 3000 Männer und Frauen befragt. Die Forscherinnen und Forscher konnten so analysieren, welche emotionalen Reaktionen und soziale Distanzierung es in der Gesellschaft gibt und in welchem Ausmaß sie vorliegen. Die Ergebnisse der Erhebung erschienen kürzlich im Wissenschaftsmagazin „Social Science & Medicine.“ Das IFB befragte die Leiterin der Erhebung:

Frau Dr. Sikorski, was versteht man unter sozialer Distanzierung?

Soziale Distanz gibt an, wie groß die Bereitschaft für Kontakte mit anderen Personen ist. Im Alltag gibt es ganz verschiedene Möglichkeiten zum Kontakt. Die Frage ist dann z. B. ob ich adipöse Personen auch meinen Freunden vorstellen, sie für einen Job empfehlen oder ihnen ein Zimmer vermieten würde. Hier schnitten Menschen mit Adipositas schlechter ab. Die Befragten zeigten neben der Distanzierung und neben Unverständnis aber auch Mitleid und das Bedürfnis zu helfen. Eigentlich dient die soziale Distanzierung dazu, die Gruppenidentität zu stärken und sich vor Andersartigem zu schützen.

Was waren die auffälligsten Ergebnisse der Befragung?

Wir konnten einerseits zeigen, dass die emotionalen Reaktionen abhängig waren vom Gewicht der Befragten. Menschen mit Übergewicht äußerten mehr Sympathie und weniger Unverständnis als normalgewichtige Befragte. Außerdem haben wir spannende Ergebnisse zur sozialen Distanz gefunden: 14,4 Prozent würden einen Menschen mit Adipositas nicht ihren Freunden vorstellen, 16,1 Prozent ihn nicht für einen Job empfehlen und 13 Prozent hätten etwas dagegen, wenn jemand mit starkem Übergewicht in die Familie einheiratet. Diese soziale Distanz war jedoch abhängig vom eigenen Body-Mass-Index und vom Ausmaß der emotionalen Reaktionen – also Unverständnis versus Sympathie. Kurz gefasst konnten wir zeigen, dass Menschen mit einem höheren BMI auch weniger soziale Distanz zeigen. Das erklärt sich teilweise dadurch, dass sie emotional positiver gegenüber Menschen mit Übergewicht eingestellt sind.

Welchen anderen Gruppen von Menschen begegnet die Bevölkerung mit sozialer Distanzierung?

Wir konnten unsere Ergebnisse in erster Linie mit Studien zu psychisch Erkrankten vergleichen. Hier zeigt sich das höchste Ausmaß der sozialen Distanz bei schizophrenen Erkrankungen, aber auch Menschen mit Depressionen erfahren soziale Distanz. Auch wenn im Vergleich dazu unsere Zahlen zur Distanz zu Menschen mit Adipositas deutlich geringer sind, ist es doch erstaunlich, dass jeder Sechste in der Allgemeinbevölkerung Distanz vor allem in der beruflichen und privaten Domäne zu Menschen mit Übergewicht sucht.

Welche Auswirkungen hat die soziale Distanzierung auf adipöse Menschen?

Soziale Distanz misst erst einmal indirekt Vorurteile, die in der Bevölkerung herrschen. Diese können sich natürlich in tatsächlicher Diskriminierung niederschlagen. Wir wissen vor allem aus experimentellen Studien, dass Menschen mit Übergewicht bei der Jobsuche benachteiligt werden. Die Forschung konnte bereits zeigen, dass Stigmatisierung bei den Betroffenen psychische Belastungen und Erkrankungen begünstigt und eher zu weiterer Gewichtszunahme führt. Wenn Stigmatisierung und soziale Distanzierung zu einer tatsächlich schlechteren Position adipöser Menschen in der Gesellschaft führt, könnte sich daraus auch ein Teufelskreis entwickeln. Denn diese schlechtere Position könnte die ablehnende, negative Haltung gegenüber adipösen Menschen wiederum bestärken.

Wie würden Sie die Ziele Ihrer Studie beschreiben?

Zum einen wird immer noch diskutiert, wie Menschen mit Übergewicht auf andere Übergewichtige reagieren bzw. sie sehen. Häufig wurde bisher von einer Abwertung der eigenen Gruppe berichtet, die wir hier so nicht bestätigen können. Außerdem war es uns wichtig, Einflussfaktoren auf die soziale Distanz zu identifizieren, denn diese muss man kennen, wenn man im Rahmen von Interventionskampagnen versuchen will, Vorurteile anzusprechen und abzubauen. In der Erhebung konnten wir sehen, dass je mehr Mitleid und Verständnis ein Befragter ausdrückt, desto weniger soziale Distanz zeigt er. Dies könnte also ein Startpunkt für Interventionen sein, die dann z. B. versuchen das Verständnis für Adipositas und ihre vielfältigen Ursachen auszubauen.

Das Interview führte Doris Gabel.

Schlüsselwörter: IFB-Forschung, Stigmatisierung, Psyche