Psychische Leiden als Folge von chronischem Stress durch Stigmatisierung bei Adipositas

Die IFB-Wissenschaftlerin Dr. Claudia Sikorski und ihr Team haben 64 wissenschaftliche Studien analysiert, die den Zusammenhang zwischen der Stigmatisierung von stark übergewichtigen Menschen mit psychischen Belastungen untersuchten. Stigmatisierung wirkt negativ auf die Psyche und die Adipositas.

adipöse Menschen - Stigmatisierung
(Foto: IFB Adipositas)
Dr. Claudia Sikorski erforscht die Auswirkungen von Vorurteilen und negativen Haltungen (Stigmatisierung) auf Menschen mit Adipositas. (Foto: IFB Adipositas)

Die Vorurteile, Abwertung, soziale Ausgrenzung und Diskriminierung, die diese Menschen aufgrund ihrer Adipositas erleben, wirken wie chronische Stressoren und führen zur Verringerung des Selbstwertgefühls, der Fähigkeit zur Problembewältigung und der Zufriedenheit mit dem eigenen Aussehen.

Vor allem das in allen Studien beschriebene herabgesetzte Selbstwertgefühl gilt als ein großer Risikofaktor für psychische Leiden bei Adipösen. Depressionen und Angststörungen können z. B. Folgen dieser psychischen Belastungen sein. Bereits bei Kindern und Jugendlichen mit Adipositas konnte ein erniedrigtes Selbstwertgefühl festgestellt werden.

Dr. Sikorski sieht als besondere Erkenntnis aus der Auswertung der unterschiedlichen, publizierten Studien: „Wir finden viele Risikofaktoren, die im Bereich psychischer Störungen etabliert sind, bei Menschen mit Adipositas stark ausgeprägt. Diese Risikofaktoren sind nicht etwas Spezielles für diese Gruppe, aber Menschen mit Adipositas scheinen, auch aufgrund von Stigmatisierung, eine erhöhte Häufigkeit dieser Faktoren aufzuweisen.“

In der Adipositasforschung hat sich außerdem gezeigt, dass die Stigmatisierung adipöser Menschen und die daraus folgenden psychischen Belastungen zu einem ungünstigen Essverhalten, zur Gewichtszunahme und der „Erhaltung“ der Adipositas beitragen. Es entwickelt sich ein Teufelskreislauf aus Stigmatisierung aufgrund von Adipositas, weiterer Zunahme des Gewichts und folglich immer stärkerer Stigmatisierung.

Auch bei primär vorliegenden psychischen Leiden wie einem mangelhaften Selbstwertgefühl oder einer Depression beobachten Ärzte umgekehrt, dass diese langfristig häufig mit einer Gewichtszunahme bei den Betroffenen einhergehen.

Dr. Sikorski beklagt, dass es insgesamt zu wenige Studien gibt zum Zusammenhang von Gewichtsstigmatisierung sowie -diskriminierung und psychischen Gesundheitsbelastungen gibt. Da aber die gängigen Therapieansätze bei Adipositas langfristig wenig erfolgreich sind, bei gleichzeitig steigenden Zahlen von Menschen mit Adipositas, gewinnen diese psychologischen Aspekte nun vermehrt an Aufmerksamkeit.

Als Leiterin der IFB Nachwuchsforschergruppe „Stigmatisierung und internalisiertes Stigma bei Adipositas" erforscht Sikorski und ihr Team am Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health (ISAP) der Universität Leipzig verstärkt die Ursachen und Folgen gewichtsbedingter Stigmatisierung. „Für eine verbesserte Adipositastherapie ist diese Forschung wichtig, weil wir nicht darauf vertrauen können, dass der gesellschaftliche Wandel der Wahrnehmung von Menschen mit Adipositas schnell geschieht. Deshalb sollten wir den Betroffenen Mittel und Wege zum Umgang mit Stigmatisierung aufzeigen“, erklärt die 29-jährige Wissenschaftlerin.

Doris Gabel

Schlüsselwörter: Gesellschaft & Soziales, IFB-Forschung, Psyche