Ist Adipositas eine Sucht?

Neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass es bei Adipositas Parallelen zu suchthaftem Verhalten geben kann.

Der Begriff „Fettsucht“ sollte für krankhaftes Übergewicht oder Adipositas eigentlich nicht mehr verwendet werden, da die Frage der „Sucht“ noch nicht geklärt ist und der Begriff außerdem volkstümlich und abwertend wirkt. Zeitgemäß ist hingegen der Begriff der „Esssucht“, die mit ihren Essanfällen (Binge Eating) zu einer der Ursachen für Übergewicht und Adipositas zählt. Aktuelle Forschungen untersuchen den Zusammenhang von süchtigem (Ess-) Verhalten und Adipositaserkrankungen.

Verschiedene Suchtformen

Zunächst gilt es festzuhalten, dass der Begriff „Sucht“ eine umgangssprachliche Bezeichnung für ein abhängiges Verhalten darstellt. Hierbei wird im medizinischen Bereich unter anderem in eine substanzgebundene Abhängigkeit (z. B. von Drogen, Alkohol, Nikotin) und eine Verhaltenssucht (z. B. Kauf-, Sex-, Spielsucht) unterschieden. Suchterkrankungen sind wie andere Krankheiten nach den diagnostischen Leitlinien der International Classification of Diseases (ICD-10) eingeteilt und können als solche in der ärztlichen Behandlung abgerechnet werden. Diese Leitlinien spiegeln aber nicht den Stand der Forschung wider. Essstörungen sind dort nur teilweise als Verhaltenssucht beschrieben. Im Diagnostischen und Statistischen Handbuch Psychischer Störungen (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders; DSM) wird Adipositas bzw. Esssucht nicht als Krankheit aufgeführt, da sie im Allgemeinen nicht mit deutlichen psychischen oder Verhaltensstörungen einhergehe.

Verhaltenssucht Essen?

In früheren Studien ging man davon aus, dass der exzessive Konsum von Zucker und Fetten eine Abhängigkeit auslösen kann und somit zur Esssucht führt. Daher wurde Zucker auch als „Suchtmittel“ bezeichnet. Auch wenn neuere Veröffentlichungen immer noch von einer „Zuckersucht“ sprechen, so hat die relativ neue Klassifizierung der Essstörungen in die Verhaltenssucht zu einem Weiterdenken geführt. So erlangen die neurologischen und psychologischen Ursachen, ähnlich wie bei anderen Verhaltenssüchten, immer mehr an Bedeutung.

In der Gehirnforschung sprechen einige Ergebnisse dafür, dass bei Adipositas eine Suchtkomponente vorliegt. Dabei spielen auch Botenstoffe im Gehirn wie das als „Glückshormon“ bezeichnete Serotonin eine Rolle. Genau diesen Zusammenhang untersucht Prof. Swen Hesse am IFB AdipositasErkrankungen. „Erste Auswertungen unserer Untersuchung deuten darauf hin, dass es in Abhängigkeit vom Body-Mass-Index (BMI) einen Unterschied in der Verfügbarkeit der Serotonin-Bindungsstellen gibt: Personen mit einem höheren BMI weisen mehr Bindungsstellen im Hypothalamus auf, als Menschen mit einem normalen BMI. Dies könnte Ausdruck eines Serotonin-Mangels sein, was bei Adipösen die erhöhte Zuckeraufnahme erklären würde“, so Hesse, „hier werden wir unsere Forschung jetzt weiter vertiefen.“

Untersuchungen von Dr. Annette Horstmann und ihrem Team am IFB AdipositasErkrankungen und Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften haben gezeigt, dass bei adipösen Menschen die Hirnregionen verändert sind, die Belohnungssignale auswerten. Daneben ist auch der Hypothalamus bei übergewichtigen Männern und Frauen vergrößert. Im Gegensatz dazu sind insbesondere Regionen, die an der kognitiven Verhaltenskontrolle beteiligt sind, also z. B. in der Unterdrückung von Impulshandlungen, vor allem bei übergewichtigen Frauen verkleinert. „Die damit einhergehende mangelnde Impulskontrolle ist ein weiteres Indiz dafür, Übergewicht bei ansonsten gesunden Personen in den Bereich der Suchterkrankungen einzuordnen“, erklärt Dr. Horstmann. Impulshaftes Verhalten könnte erklären, warum die Betroffenen schneller zu kalorienreichen Lebensmitteln greifen, die ein großes Belohnungsgefühl vermitteln, ohne dabei die Konsequenzen zu bedenken.

Parallelen zu Suchtkrankheiten

Ob nun Adipositas als „Sucht“ bezeichnet werden kann ist wissenschaftlich noch nicht eindeutig geklärt. Prof. Michael Stumvoll, wissenschaftlicher Leiter am IFB AdipositasErkrankungen, unterstreicht aber gewisse Ähnlichkeiten: „Ich sehe durchaus Parallelen zu Suchtkrankheiten, etwa wenn es um Belohnungsmechanismen im Gehirn geht. Unser Essverhalten wird durch weit mehr gesteuert, als vom Streben nach einer ausgeglichenen Kalorienbilanz.“ Ergänzend bringt er jedoch den Unterschied zwischen substanzgebundener Abhängigkeit und Verhaltenssucht auf den Punkt: „Es gibt jedoch einen fundamentalen Unterschied zwischen konsumierter Zigarette und konsumierter Kalorie: Die Zigarette ist grundsätzlich ungesund, die zugeführte Kalorie nicht unbedingt – das eine kann man einfach wegnehmen, das andere nicht.“ So müssen Alkoholiker in der Suchttherapie abstinent sein. In der Adipositastherapie gilt es eher ein neues Essverhalten zu erlernen. Wenn Essen suchtähnliche Züge annimmt, so ist eine Therapie besonders schwer. Denn verlockende Nahrungsmittel gibt es quasi an jeder Ecke im Überfluss und für wenig Geld. Wäre dies etwa bei Zigaretten der Fall, würde die Zahl der Raucher explodieren.

Herausforderungen an die Behandlung

Dies stellt erhebliche Anforderungen an Behandlungseinrichtungen wie das IFB AdipositasErkrankungen. Die Behandlung muss wie bei anderen chronischen Krankheiten individuell und vor allem langfristig erfolgen, um den gewünschten Erfolg zu erzielen. Dabei können auch Elemente aus der Suchttherapie sinnvoll sein. Prof. Stumvoll gibt aber zu bedenken, dass „Übergewicht und Adipositas sehr unterschiedliche Ursachen haben können. Es wird nie ein Mittel geben, das für alle Adipositas-Patienten geeignet wäre.“

Martin Liborak
Doris Gabel

Schlüsselwörter: Psyche, Adipositasursachen