Adipöse Menschen fehlen häufiger am Arbeitsplatz

Adipositas verursacht durch krankheitsbedingte Fehltage Produktivitätsausfälle.

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Zivilisationskrankheiten wie Depressionen und Übergewicht sind zu einem ernstzunehmenden Problem der westlichen Industriestaaten geworden. Immer mehr Menschen fühlen sich „ausgebrannt“. Wer zu viel wiegt und einen stark erhöhten Body-Mass-Index (BMI) hat, leidet oft an Diabetes und Bluthochdruck und ist deshalb häufiger krank. Dies belastet nicht nur die Betroffenen, sondern auch Arbeitgeber und Staat.

Übergewicht und Adipositas kosten Geld

Verschiedene internationale Studien haben gezeigt, dass die durch Übergewicht verursachten Kosten in den vergangenen Jahren dramatisch gestiegen sind.[1] Die Erklärung dafür liegt auf der Hand: Starkes Übergewicht (Adipositas) ist mit einer hohen Krankheitslast verbunden. Neben körperlichen Beschwerden, wie erhöhtem Blutdruck, Fettleber, Gefäßerkrankungen und Typ-2-Diabetes erschweren psychische Leiden zusätzlich den Alltag von adipösen Menschen. Diese Beschwerden entwickeln sich oft zu chronischen Begleiterkrankungen (Komorbiditäten), die langfristig behandelt werden müssen. „Deshalb sind bei einem adipösen Patienten mit adipositas-assoziierten Komorbiditäten die direkten Versorgungskosten deutlich höher als bei normalgewichtigen“, bestätigt Mario Hellbardt, Diätassistent und Gesundheitswissenschaftler am Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) AdipositasErkrankungen Leipzig.

Leipziger Studie bestätigt: Indirekte Kosten deutlich höher

„Die eigentlichen Kosten, die jedoch noch viel höher sind, liegen in den indirekten Ausgaben, die durch das häufige Fehlen am Arbeitsplatz entstehen“, erklärt der Soziologie Thomas Lehnert. „Zeiten, in denen Berufstätige krankheitsbedingt ausfallen, also nicht produktiv sind, müssen vom Arbeitgeber bezahlt werden.“ Zu den indirekten Kosten gehören neben dem Produktivitätsausfall auch die Verdienstausfälle sowie Ausgaben, die der Patient aufgrund seiner Erkrankungen selbst trägt.

Lehnert forscht im wissenschaftlichen Team von Prof. Hans-Helmut König zum Thema „Ökonomie der Adipositas“ am IFB und dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Dabei untersuchen Ärzte und Soziologen mithilfe einer Querschnittsanalyse bestimmter Bevölkerungsgruppen (sozioökonomischen Panels) für Menschen zwischen 18 bis 65 Jahren den Zusammenhang von BMI und Fehltagen für alle Erwerbstätigen in Deutschland.[2]

„Es ist die erste Bottom-Up, also Bevölkerungs-bezogene Studie, die den Einfluss von Übergewicht und Adipositas auf Fehlzeiten am Arbeitsplatz für Deutschland untersucht hat. Kausale Zusammenhänge können wir damit jedoch noch nicht erklären, d.h. wir können nicht sagen, ob der BMI oder eine der Folgeerkrankungen wirklich der Grund für die Fehltage ist. Sicher ist nur, dass übergewichtige und adipöse Menschen in der Studie mehr krankheitsbedingte Fehltage angegeben haben“, weiß Thomas Lehnert und deutet die ersten Ergebnisse an.

Adipöse Frauen fehlen am häufigsten

Im Durchschnitt haben Adipöse (BMI> 30kg/m²) mit 14,04 Tagen fast doppelt so viele Fehltage wie normalgewichtige Arbeitnehmer. Erstaunlich ist, dass der Effekt bei Frauen deutlich stärker ausgeprägt ist, als bei Männern. So zeigen adipöse Frauen eine erhöhte Wahrscheinlichkeit von 48 Prozent am Arbeitsplatz zu fehlen, bei adipösen Männern hingegen liegt die Wahrscheinlichkeit nur bei 30 Prozent. Frauen, die nicht fettleibig, aber übergewichtig sind, fehlen genauso oft wie adipöse Männer. Selten zuhause blieben dafür Männer mit ein paar Pfunden zu viel auf den Rippen; hier lag der Prozentsatz nur bei vier.  „Die Resultate unterstreichen die ökonomische Bedeutung von Übergewicht und Adipositas aus gesellschaftlicher Perspektive. Die Ergebnisse sollten jedoch mithilfe von Längsschnittanalysen für Deutschland erweitert werden“, betont Lehnert. Noch könnte keine Aussage darüber getroffen werden, von welchen individuellen Faktoren, wie z. B Bedingungen am Arbeitsplatz, Bildungsstand, Gesundheit, etc. die Fehlzeiten beeinflusst werden. Dies soll in den kommenden Studien herausgefunden werden.

Annekathrin Härter

[1] Neovius K, Johannson K, Kark  M,  Neovius M : Diagnostic in Obesity and Comorbidities. Obesity status and sick leave: a systematic review. International Association for the Study of Obesity 2008. Obesity reviews, 10, S. 17-27.

[2] Link zur Studie  (Lehnert T, Stuhldreher N, Streltchenia P, Riedel-Heller SG, König HH: Sick leave days and costs associated with overweight and obesity in Germany.J Occup Environ Med. 2014 Jan;56(1):20-7.)

Schlüsselwörter: Gesellschaft & Soziales