„Der Jo-Jo Effekt verkürzt das Leben“ und andere Mythen zum Thema Adipositas

Ein Wissenschaftlerteam aus den USA analysiert Mythen, Vermutungen und Fakten zum Thema Adipositas. Das IFB hat für Sie die bekanntesten Mythen im ersten Teil zusammengefasst.

Die Sonderausgabe des „Economist“ hat gezeigt: Adipositas ist ein globales Problem. Noch immer fehlt eine wirksame Therapie. Neue Diäten gibt es fast jede Woche. Vor allem in den Publikumsmedien werden oft falsche Vorstellungen und Halbwahrheiten zum Thema Übergewicht und der Wirksamkeit von Diäten veröffentlicht. Auch in der wissenschaftlichen Literatur werden Vermutungen manchmal zu unbegründeten Tatsachen, die verwirren können. Doch gerade gültige Daten und verlässliche Informationen sind sehr wichtig, damit neue Therapieansätze entwickelt werden können und schließlich auch gelingen.

Wissenschaftler der Universität Alabama in Birmingham, USA haben im Internet, in den Medien und in wissenschaftlichen Aufsätzen recherchiert und weit verbreitete Irrtümer zum Thema Adipositas und Übergewicht zusammengetragen und diese analysiert. Das IFB berichtet in den folgenden drei Wochen über die Mythen, Vermutungen und Fakten, die das Wissenschaftlerteam in der Fachzeitschrift „The New England Journal of Medicine“ veröffentlicht hat. Lesen Sie diese Woche die bekanntesten Mythen zum Thema Adipositas.

Mythos Nr. 1: Kleine Veränderungen haben eine große Wirkung

Wer sich jeden Tag mindestens 20 Minuten bewegt, nimmt schneller ab. So lautet ein weit verbreiteter Mythos. Dabei gilt angeblich, dass vor allem kleine Veränderungen bei der Kalorienzufuhr, wie der Verzicht auf die Chips vor dem Fernseher, zu einem großen Gewichtsverlust führen. Doch diese Regel lässt sich nicht verallgemeinern. Kleine Diätschritte verändern vor allem die Körperzusammensetzung, ohne konkreten Gewichtsverlust. Studien belegen außerdem, dass jemand, der jeden Tag bei einem Fußmarsch von 1,6 Kilometer 100 Kilokalorien verbrennt, nach fünf Jahren keine 22,7 Kilogramm abgenommen hat, sondern nur 4,5 kg mit der Voraussetzung, dass die Menge an aufgenommener Energie durch Nahrung konstant bleibt.

Mythos Nr. 2: Realistische Ziele versprechen Erfolg

Motivation ist alles. Wer sich kleine Ziele setzt, nimmt kontinuierlich ab und kann auf längere Sicht eher sein Gewicht halten. Angeblich sei die sich schnell einstellende Frustration bei sehr ehrgeizigen Zielen sonst das Problem, weil Betroffene dann schneller aufgeben. Die Erklärung klingt plausibel. Allerdings gibt es keinen Beweis dafür, dass ein solcher Zusammenhang besteht. Untersuchungen zu diesem Thema verdeutlichen lediglich, dass der Gewichtsverlust in einzelnen Fällen höher ausfällt, wenn sich der Teilnehmer zuvor ein realistisches Ziel gesetzt hatte. Doch es gibt keine Belege dafür, dass ein ehrgeizigeres Therapieziel die Probanden entmutigt.

Mythos Nr. 3: Wenig und langsam abnehmen ist besser als schnell und viel

„Wer schnell viel Gewicht verliert, wird nach dem Ende der Diät schneller und noch mehr Kilos haben, als vor der Abnehmkur.“ Besser sei ein langsamer und längerfristiger Gewichtsverlust, lautet ein weiterer Mythos. Doch Meta-Analysen zeigen im Vergleich von Patienten, die beide Therapieansätze ausprobierten, dass längerfristig kein Unterschied zwischen beiden Maßnahmen besteht.

Mythos Nr.4: Die richtige Einstellung ist alles

Mit der richtigen Einstellung gelingt jede Diät! Motivation und Bereitschaft zum Abnehmen sind so wichtig wie der richtige Ernährungsplan. Dieser Mythos ist widerlegt, denn es lassen sich keine Schlussfolgerungen für den Erfolg einer Diät aus der Bereitschaft zum Abnehmen ziehen. In Studien wurde deutlich, dass mehr als 3000 Patienten über neun Monate hinweg ihr Gewicht reduzieren konnten, unabhängig davon, wie ihre Einstellung gegenüber der Therapie war.

Mythos Nr. 5: Schulsport hilft gegen Übergewicht im Kindesalter

Bisher wurde angenommen, dass mehr Bewegung, vor allem in der Schule, das Gewicht von Kindern besser regulieren könne. Studien haben gezeigt, dass es keine Belege dafür gibt, dass Schulsport Kindern beim Abspecken hilft. Auswirkungen auf den Body-Mass-Index (BMI) von zusätzlichen Sportstunden sind nicht untersucht, auch fehlt es an ausreichenden Daten zu den unterschiedlichen Wirkungen bei beiden Geschlechtern.

Mythos 6: Stillen schützt das Kind vor Übergewicht

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte erst kürzlich berichtet, dass Erwachsene, die als Baby gestillt wurden, später nicht so häufig an krankhaftem Übergewicht leiden. Offensichtlich hatte die WHO dabei auf viele kleine Studien zurückgegriffen, Untersuchungen, die keinen positiven Effekt fanden, wurden jedoch in der Zusammenfassung einfach ignoriert. In Langzeitstudien, die 13.000 Kinder über sechs Jahre lang untersuchten und auch Zwillinge mit berücksichtigten, konnten keine eindeutigen Daten für einen positiven Effekt des Stillens auf das Gewicht gefunden werden. Dennoch gilt: Stillen ist unentbehrlich für das Kind, garantiert jedoch nicht eine verbesserte Gewichtsregulation.

Mythos Nr. 7: Sex lässt die Pfunde purzeln

Angeblich verbrennt ein erwachsener Mensch bei „normaler“ sexueller Aktivität 100 bis 300 Kalorien. Doch Wissenschaftler fanden heraus, dass der zusätzliche Kalorienverbrauch beim Sex bei nur etwa 14 Kilokalorien liegt. Demnach verbrennt ein Mann von 70 Kilogramm Körpergewicht 3,5 Kalorien. Dauert der Geschlechtsakt etwa sechs Minuten, verbrennt er 21 Kilokalorien. Allein beim Sitzen vor dem Fernsehen wird auch schon ein Drittel dieser Menge verbrannt.

Im nächsten „Aktuellen Thema“ erfahren Sie die interessantesten Vermutungen (wissenschaftlich nicht bewiesen, aber in Laienmedien weit verbreitete Annahmen) zum Thema Adipositas.

Review von Annekathrin Härter

Schlüsselwörter: Gesellschaft & Soziales