Stress verführt zum Essen

Vor allem Hormone steigern bei Stress die Esslust.

Gestresste Menschen greifen gerne zu Chips und Schokolade, wenn sich die Alltagsprobleme häufen. Oft klagen besonders Frauen über Frustessen aus Kummer und Unbehagen – als sähe die Welt nach einer Tafel Schokolade besser aus. Tatsächlich sind hierzulande viele Menschen „ständig gestresst“ und fühlen sich ausgebrannt. Trost scheint in diesen Momenten sehr oft aus der Küche zu kommen. Übergewicht ist die Folge.

Stress ist kein Phänomen der Gegenwart, sondern eine durch die Evolution geformte Anpassungsreaktion auf äußere Umstände und Gefahrensituationen. Schon in Urzeiten ermöglichte uns Stress in Flucht- oder Kampfsituationen zu Höchstform aufzulaufen und so das Überleben zu sichern. Die gleichen Mechanismen wirken noch heute; der Überlebenskampf eines modernen Menschen jedoch spielt sich in der Gegenwart eher im Kopf ab.

Eine Stress-Situation lässt sich in drei Phasen gliedern: Zunächst wird unser Körper in der Alarmphase in Bereitschaft versetzt. Der Blutdruck steigt, das Herz fängt an bis zum Hals zu schlagen und die Sinne sind geschärft. Die Hormone Adrenalin und Noradrenalin mobilisieren den Organismus für die bevorstehende Kampfsituation. In der Widerstandsphase sorgen die gleichen Hormone außerdem dafür, dass unser Hungergefühl unterdrückt wird. Wer denkt schon ans Essen, wenn er aufgeregt ist!

Die in der Alarmsituation verbrauchte Energie will sich der Körper in der Erholungsphase zurück holen: Er verlangt nach süßen, fettigen und salzigen Nahrungsmitteln, um den Energieverlust so schnell wie möglich auszugleichen. Als Urmenschen hätten wir aufgrund von Kampf oder Flucht durch die körperliche Anstrengung sehr viel Salz verloren und Kalorien verbrannt. Daran denkt der Körper auch im 21. Jahrhundert. Er verlangt nach Süßigkeiten, Chips oder Fastfood. Verantwortlich für den Heißhunger ist das Hormon Cortisol, welches von der Nebennierenrinde produziert wird. Es sorgt für die langfristige Anpassung des Körpers an Stresssituationen. Im Gegensatz zu den appetitzügelnden Hormonen wie Adrenalin zirkuliert und wirkt es wesentlich länger, da es erst über die Leber abgebaut werden muss. Dass der Nachhang des Cortisols mit dem Appetit nach stressreichen Lebensereignissen in Verbindung steht, weiß Christian Schinke, Doktorand der Klinik und Poliklinik für Neurologie und dem Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum für Adipositas-Erkrankungen. „Cortisol bewirkt eine Enthemmung des Appetits in der Ruhephase nach dem Stress“, erklärt der junge Medizinstudent. Christian Schinke forscht am IFB zum Thema „Die Dynamik der Stressachse bei adipösen Patienten“ in der Studie von Prof. Swen Hesse und Privatdozent Dr. Florian Then Bergh in einer Kooperation des Instituts für Nuklearmedizin und der Klinik für Neurologie.

Tatsächlich zeigen Studien, dass Stress zu sogenannten Fressattacken führen kann. In Untersuchungen griffen die Probanden, welche psychischen Stressoren ausgesetzt wurden, eher zu kalorienreicher Kost als die „ungestressten“ Teilnehmer der Studie. Dies lässt sich einerseits auf den Belohnungseffekt zurückführen. Aber vor allem das Cortisol spielt eine ausschlaggebende Rolle beim Stress-Essen, denn die Voraussetzung für die hohe Nahrungsaufnahme schien vor allem die Cortisolfreisetzung zu sein, denn es nahmen nur die Probanden mehr Nahrung zu sich, bei denen sich auch vermehrt Cortisol im Speichel nachweisen lies. Um ergründen zu können, wie sich Stress auf den Einzelnen auswirkt, muss er in der Alarm- und Erholungsphase analysiert werden, denn „Stress ist ein dynamischer Prozess, bei dem vor allem Zentren im Zwischenhirn und schließlich der Nebennierenrinde aktiviert werden. Die frei gesetzten Hormone haben dabei weitreichende Auswirkungen auf den gesamten Organismus – vor allem auch auf unser Hungergefühl“, erklärt Christian Schinke.

Die Leipziger Wissenschaftler um Prof. Hesse wollen deshalb vor allem den Verlauf der Stressreaktion bei stark übergewichtigen (adipösen) Menschen genauer untersuchen und herausfinden, wie Stress Übergewicht begünstigt. Ein erstaunliches Resultat war, dass die adipösen Probanden im so genannten Stresstest Cortisol-Spitzen aufwiesen, die jene der normalgewichtigen Probanden um das Fünffache überstiegen: „Im Gegensatz zu den nicht adipösen Teilnehmern kam es bei den adipösen Probanden zu einer Überstimulation der Stressachse, also zu einem regelrechten Overdrive an Stresshormonen, die in höheren Mengen ausgeschüttet und schneller verwertet wurden“, erklärt der angehende Mediziner. Kein Wunder also, dass bei solchen Cortisolwerten Hungerattacken folgen. Tatsache ist, dass die Reaktion stark übergewichtiger Personen auf Stress extremer ausfällt als bei normalgewichtigen Menschen. Weitere Untersuchungen sind notwendig, um vollständig klären zu können, wie die Überreaktion zustande kommt. „Dazu müssen wir herausfinden, welche Rolle Neurotransmitter wie Serotonin und Noradrenalin bei der Überstimulation der Stressachse spielen. Dafür müssen noch mehr Untersuchungen mit dem Positronen-Emissions-Tomografie-Verfahren (PET) durchgeführt werden. Es wird noch mal richtig interessant, wenn wir die Ergebnisse über die Transmitteraktivität aus den nuklearmedizinischen Untersuchungen der PET bekommen“, unterstreicht Christian Schinke abschließend.

Eines steht jedoch fest: Um den negativen Effekten von Stress entgegenzuwirken, hilft es, sich an die ursprüngliche Funktion der Reaktion zu erinnern: kämpfen oder fliehen. Bewegung lindert nicht nur Depressionen, sondern wirkt sich auch positiv auf das Stressgefühl und das Gewicht aus.

Annekathrin Härter

Schlüsselwörter: Adipositasursachen, Psyche