Als Kind misshandelt, als Erwachsener adipös?

Ein Zusammenhang zwischen psychischen und physischen Gewalterfahrungen als Kind und einer Adipositas im Erwachsenenalter besteht tatsächlich.

Wenn Kinder frühzeitig sexuelle oder physische Gewalt erfahren, leiden sie im Erwachsenenalter eher an Fettleibigkeit. Eine Erklärung dafür können deren Gesundheitsverhalten und deren mentale Gesundheit sein, was sich schließlich in ihrem Essverhalten äußert. Misshandelte Kinder essen aus Kummer oder Frust und legen sich so ein „dickes Fell“ zu. Was plausibel klingt, ist jedoch komplexer als zunächst vermutet. „Bei den Zusammenhängen zwischen sexueller und physischer Gewalt in der Kindheit und einer späteren Adipositas im Erwachsenenalter handelt es sich um ein multifaktorielles Geschehen, das sowohl psychosoziale als auch biologische Einflussfaktoren beinhaltet“, erklärt Prof. Anette Kersting.**  Sie ist IFB-Expertin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.

Frau Prof. Kersting, was weiß man bereits über den Zusammenhang zwischen Missbrauch in der Kindheit und Adipositas im Erwachsenenalter als multifaktorielles Geschehen? Was bedeutet das genau?

Die Zusammenhänge zwischen Gewalt wie auch Missbrauchserfahrungen und anderen traumatischen Erfahrungen in der Kindheit und einer Adipositas im Erwachsenenalter sind lange bekannt*. Deutlich weniger wissen wir immer noch über die Mechanismen, die den Zusammenhängen zugrunde liegen. Von Bedeutung scheint hier insbesondere die Kombination aus negativen Affekten wie z. B. Gefühlen von Ärger, Bedrohung oder depressiven Gefühlen und einem ungezügelten Essverhalten und geringer körperlicher Bewegung zu sein.

Begriffe wie Kummerspeck oder Frustessen weisen ja schon darauf hin, dass negative Gefühle oftmals durch übermäßiges Essen kompensiert werden.

Ein ungezügeltes Essverhalten dient oft als Bewältigungsstrategie und zur Selbstberuhigung. Grundsätzlich reagieren Menschen auf Stressoren, die schwer zu kontrollieren sind, wie zum Beispiel elterliche Gewalt und Missbrauchserfahrungen, eher mit emotionsfokussierten Bewältigungsstrategien. Das heißt, der Betroffene versucht beispielsweise durch übermäßiges Essen die belastenden Gefühle zu reduzieren. Oft gehen hochkalorische Nahrungsreize auch mit einer Aktivierung des Belohnungssystems im Gehirn einher. Körperliche Inaktivität, die in Zusammenhang mit Depressionen stehen kann, stellt einen weiteren Risikofaktor für die Entwicklung einer Adipositas dar. Stress, Essen und die hiermit verbundene Nahrungszufuhr zieht häufig wiederholte Diätversuche nach sich, die wiederum paradoxerweise zu der Entwicklung einer Adipositas beitragen. Besser bekannt ist dieser Mechanismus unter dem Begriff Jojo-Effekt. Nach der Diät benötigt der Körper weniger Energie als zuvor, der Grundumsatz sinkt. Eine 2011 im New England Journal of Medicine veröffentlichte Studie von Sumthran et al. zeigte, dass auch noch ein Jahr nach einer niedrig-kalorischen Diät über 10 Wochen mit einem mittleren Gewichtsverlust von 13,5 kg die Hormone, die den Appetit und eine Gewichtszunahme steigern, pathologisch verändert waren.

Darüber hinaus gibt es einen weiteren pathopsychologischen Zusammenhang: Inwiefern ist Fettleibigkeit auch als Schutzmaßnahme zu deuten?

Dünnsein entspricht den westlichen Idealen weiblicher, auch sexueller Attraktivität. Menschen mit sexuellen Missbrauchserfahrungen können ihren adipösen Körper somit als einen Schutz vor sexueller Annäherung potenzieller Sexualpartner erleben. Somit kann eine Adipositas bei Menschen mit Missbrauchserfahrungen auch eine adaptive Funktion im Sinne eines Selbstschutzmechanismus haben.

Amerikanische Forscher sehen auch metabolische und hormonelle Umstellungen nach einer Kindesmisshandlung verantwortlich für die Entwicklung einer Adipositas. Sehen Sie diesen Zusammenhang auch und wie ist er zu erklären?

Wenn wir Stress haben, wird das Hormon Cortisol gebildet und ausgeschüttet. Dies kann zu einer erhöhten Insulinkonzentration im Blut führen, die sich wiederum appetitsteigernd auswirkt. Positive neurobiologische Feedback­mechanismen, also die schon erwähnte Aktivierung des Belohnungssystems im Gehirn, im Zusammenhang mit der Aufnahme spezieller, oft kohlenhydratreicher und fettreicher Nahrungsmittel, führen zu einer Reduktion der Stressgefühle und können so ungesunde Essgewohnheiten weiter fördern. Damit schließt sich ein Kreis, der schwer zu durchbrechen ist.

* Vamosi et al.,The relation between an adverse psychological and social environment in childhood and the development of adult obesity: a systematic literature review, Obesity Reviews March 2009, Vol. 11, issue 3

** Prof. Dr. Anette Kersting ist Direktorin der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Leipzig. Für das IFB forscht sie im Bereich Esstörungen (Essanfallsstörung oder Binge-Eating-Disorder) und zu den psychologischen Auswirkungen bei Patienten nach Adipositas-Operationen.

Interview von Carmen Brückner

Schlüsselwörter: Psyche