Ein dickes Problem für einige Migrantengruppen: Übergewicht

Vor allem Kinder aus türkischen und arabischen Familien sind oft zu schwer.

Wie kommt es, dass Nordrhein-Westfalen mehr übergewichtige Kinder als Bayern zählt, obwohl man in Bayern gern zünftig speist? Ein Grund ist, dass es um Rhein und Ruhr mehr Migranten gibt als im blauweißen Freistaat. Einschulungsuntersuchungen zeigten 2007 auch in Berlin, dass über 20 Prozent der ABC-Schützen aus türkischen oder arabischen Familien übergewichtig und fast 10 Prozent sogar fettleibig (adipös) waren. Das waren etwa doppelt so viele wie bei den deutschen Kindern. Der Berliner Senatsbericht über Kindergesundheit vom März dieses Jahres legt außerdem nahe: Je schlechter die Deutschkenntnisse, desto dicker sind die Jugendlichen. Auch die KIGGS* Studie zeigte, dass die Häufigkeit von Adipositas bei ausländischen Kindern, z.B. bei 7- bis 10-Jährigen mit 11 Prozent etwa doppelt so hoch ist wie bei Nicht-Migranten, bei 14- bis 17-jährigen Jugendlichen schrumpfte der Abstand: 9,4 Prozent der Migranten bzw. 8,3 Prozent der Deutschen sind sehr übergewichtig.

Anlässlich des Internationalen Tages der Migranten greift das IFB dieses Problem auf. Natürlich sind Migranten in Deutschland keine homogene Gruppe und nicht alle haben Gewichtsprobleme; für türkische und arabische Zuwanderer gibt es aber eindeutige Trends. Die Ursachensuche für das Übergewicht in diesen Gruppen ist schwierig. Die türkische Küche bietet viele Gemüsegerichte, in der Familie wird meist selbst gekocht und auch gemeinsam gegessen. Das sind eigentlich die besten Voraussetzungen, gesund und nicht zu viel zu essen. Allerdings ist die Nahrungsmenge wegen der Snacks zwischendurch zu groß und zu kalorienreich. Naschereien und besondere Leckerbissen werden bei Besuchen aus dem großen Freundes- und Familienkreis aufgetischt, denn alles andere wäre unhöflich. Reichlich bewirten und gemeinsam essen gehören zu Gastfreundschaft und Familienleben.

In manchen Kulturen hat Sport einen niedrigeren Stellenwert; selten sind Ausländer Mitglied in Sportvereinen. Vor allem bei Mädchen und Frauen aus muslimischen Familien trägt Bewegungsmangel dazu bei, dass die Speckpolster wachsen. In streng gläubigen Familien, ist es ungern gesehen, wenn Mädchen sich in knapper Sportkleidung zeigen, wenn Männer anwesend sind. Wie auch in der übrigen Bevölkerung nimmt die Bewegung im Alltag auch bei Migranten zugunsten sitzender Tätigkeiten ab. Wurden vor rund zehn Jahren noch acht Kilometer am Tag zurückgelegt, so sind es heute nur noch rund 0,8.

Weniger gesund erscheint die arabische Küche mit vielen fettreichen und Fleisch-Gerichten. Im traditionellen arabischen Denken bedeutet Körperfülle außerdem Wohlstand, weshalb beleibte Menschen als attraktiver gelten. Jana Hösel ist Ernährungsberaterin in der IFB AdipositasAmbulanz und betreut auch ausländische Patienten. Sie betont, dass „die Kenntnis der kulturellen Eigenheiten und der Unterschiede in der Ernährung wichtig ist, um einen entsprechenden, im Alltag umsetzbaren Speiseplan entwickeln zu können.“

Ähnlich wie bei dicken Erwachsenen zeigt sich auch bei Jugendlichen, dass Übergewicht in Gruppen mit niedrigerem Bildungsniveau häufiger vorkommt. Die Nationale Verzehrstudie (2005-7)** ergab, dass rund 36 Prozent der Hauptschülerinnen übergewichtig und knapp 30 Prozent adipös sind (BMI größer als 30 kg/m2). Bei Abiturientinnen lagen die Werte bei rund 21 und 9,7 Prozent. Einige Ärzte machen deshalb eher sozioökonomische als ethnisch-kulturelle Ursachen für Übergewicht bei bestimmten Migrantengruppen verantwortlich. In jedem Falle ist also Bildung ein Schlüssel zur Vorbeugung vor Übergewicht. Im Sinne der Integration könnten deutsche und ausländische Kinder bereits im Kindergarten neben der Sprache auch gesunde Lebensmittel kennen lernen. In den Lehrplänen der Schulen fehlt allerdings bisher ein Fach wie Ernährungs- oder Gesundheitslehre.

*Das Robert-Koch-Institut führte 2003-2007 eine der umfassendsten deutschen Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen KiGGS (Kinder- und Jugendgesundheits-Survey) durch. Es  beteiligten sich insgesamt 17.641 Jungen und Mädchen an den Erhebungen.
**Das Max Rubner-Institut, Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel (MRI) führte im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz die Nationale Verzehrsstudie (II) durch. Bundesweit wurden rund 20.000 Jugendliche und  Erwachsene 2005-2007 zu ihren Essgewohnheiten sowie zu ihren Körpermaßen befragt.

Schlüsselwörter: Gesellschaft & Soziales, Kinder & Jugendliche