Einblick in das eigene Gehirn - das Verlangen nach Essen kontrollieren lernen

Binge-Eating-Störung ist die häufigste Essstörung bei Erwachsenen. Sie zeichnet sich durch unkontrollierbare Essanfälle aus und steht daher häufig in Verbindung mit Adipositas. Die Neurofeedback-Behandlungsstudie (NIRSBED) unter Leitung von Prof. Anja Hilbert will die Symptomatik nachhaltig lindern.

Einer Untersuchung der World Health Organization (WHO) zufolge, leiden etwa 1,9 % aller Erwachsenen an einer Binge-Eating-Störung (BES). Die Betroffenen berichten von wiederkehrenden Essanfällen. Unter einem Essanfall wird das Essen einer ungewöhnlich großen Menge, einhergehend mit dem Gefühl des Kontrollverlusts, verstanden. Dabei wird jedoch, im Gegensatz zu anderen Essstörungen, wie der Bulimia Nervosa (Ess-Brech-Sucht), auf die Anwendung von extremen Maßnahmen zur Verhinderung einer Gewichtszunahme, verzichtet. Das heißt, „Binge Eater“ unterscheiden sich dadurch, dass sie nach einem Essanfall weder Erbrechen herbeiführen oder über längere Zeit fasten, noch exzessiv Sport treiben, um Kalorien zu verbrennen. BES geht außerdem mit ausgeprägten Schwierigkeiten im Gewichtsmanagement einher. Daher leiden viele Betroffene zusätzlich an Adipositas.

Es wird angenommen, dass die genannten Schwierigkeiten im Umgang mit Nahrungsmitteln teilweise auf eine verringerte Impulskontrolle zurückzuführen sind. So fällt es „Binge Eatern“ schwerer als gesunden Personen, den Impuls, essen zu wollen, zu hemmen. Ein Beispiel aus dem Alltag: Man nimmt sich vor, nur drei Stück Schokolade zu essen, isst dann aber doch die ganze Tafel und mehr auf einmal.

Diese Schwierigkeiten der Impulskontrolle bilden sich auch neuronal ab, d.h. Hirnareale, die für die Impulskontrolle verantwortlich sind, werden im Zusammenhang mit der BES unter- bzw. überaktiviert. So zeigten Patienten mit BES, in funktionellen Magnetresonanztomographie- (fMRT-) Studien, deutlich veränderte Aktivitäten in Hirnarealen, welche mit der Impulskontrolle von Nahrungs- und Belohnungsreizen in Zusammenhang stehen. Bislang wird die Impulskontrolle in der Therapie der BES nicht gezielt behandelt, obwohl anzunehmen ist, dass dies die Essstörungssymptome verbessert und das Gewichtsmanagement fördert. An diesem Punkt setzt die NIRSBED- (Nahinfrarotspektroskopie-Neurofeedback bei der Binge-Eating-Störung) Studie an.

Zur Behandlung der BES nutzt die NIRSBED-Studie ein Neurofeedbacktraining, welches die Probanden befähigen soll, ihre eigene Hirnaktivität in bestimmten Regionen selbständig zu regulieren und damit ihre Impulskontrolle zu erhöhen.

Doch wie genau funktioniert Neurofeedback? Während der Trainingssitzungen wird die Hirnaktivität der Teilnehmenden mittels Nahinfrarotspektroskopie (NIRS) oder Elektroenzephalographie (EEG) gemessen. Das NIRS-Gerät beleuchtet die Kopfhaut und den oberen Teil des Gehirns mit Infrarotlicht. Da sich die Sauerstoffkonzentration des Blutes auf die Art des reflektierten Lichts auswirkt, können Rückschlüsse über die Sauerstoffsättigung und somit über die Hirnaktivität in bestimmten Regionen gezogen werden. Bei der EEG werden – anders als bei der NIRS - die Hirnströme gemessen, indem Elektroden an der Kopfhaut und im Gesicht angebracht werden. Jedem gemessenen Frequenzbereich können anschließend, zwar keine genauen Areale, doch aber verschiedene kognitive Zustände (z.B. Wachheit, Aufmerksamkeit) zugeordnet werden.

Während einer Messung der Hirnaktivität der Teilnehmenden werden Nahrungsbilder präsentiert, die den Appetit fördern. Ein Computer analysiert die Daten über die Hirnaktivität in Echtzeit und liefert den Teilnehmern/innen eine graphische Rückmeldung in vereinfachter Form (siehe Abbildung 1 und 2). Die Darstellung lässt erkennen, ob die Aktivität der belohnungsempfindlichen und impulskontrollierenden Areale erfolgreich reguliert wurde. Diese Rückmeldung der Hirnaktivität (Neurofeedback) soll nun dabei helfen, bessere Strategien zur Impulskontrolle zu finden, um das Auftreten von Essanfällen zu verringern oder ganz zu verhindern.

  • Teilnehmer an der NIRSBED-Studie (Quelle: Pia Schermaul/IFB AdipositasErkrankungen)
  • Teilnehmer an der NIRSBED-Studie (Quelle: Pia Schermaul/IFB AdipositasErkrankungen)

Die Teilnahme an der NIRSBED-Studie bringt viele Vorteile mit sich: Die Teilnehmer/innen können kostenlos an einer achtwöchigen Neurofeedbackbehandlung teilnehmen, die Methode ist frei von Nebenwirkungen, sie ist nicht invasiv und die Behandlung beginnt sofort, ohne lange Wartezeiten. Wenn Sie dazu Fragen haben oder an einer Teilnahme interessiert sind, finden Sie unter „Studienteilnahme“ weitere Informationen.

Pia Schermaul